Dr. Angelika Ruckert: Expertin auf dem Gebiet der alternativen Kraftstoffe

Dr. Angelika Ruckert koordiniert die Aktivitäten von TOTAL Deutschland und der TOTAL Raffinerie in Leuna zur Erfüllung der gesetzlichen Treibhausgas-Quotenverpflichtung. Diese sieht vor, die Treibhausgasemissionen von Benzin und Diesel zu reduzieren. Dr. Ruckerts Fachgebiet umfasst die alternativen Kraft- und Brennstoffe. Sie ist zuständig für die Nachhaltigkeitszertifizierung von TOTAL für Biokraftstoffe. Als Mineralölgesellschaft, die Biokraftstoffe in den Verkehr bringt, ist TOTAL verpflichtet, die nachhaltige Herstellung dieser Biokraftstoffe genau nachzuweisen. In Deutschland erfasst ein ausgeklügeltes System den Mindestanteil an Biokraftstoffen, die jährlich in den Verkehr gebracht wurden. Die Treibhausgasverpflichtung in Deutschland gilt seit 2015 und ist europaweit einzigartig. Damit soll besonders der Einsatz von Biokraftstoffen mit hohem Treibhausgas (THG)-Minderungspotenzial gefördert werden. Die aktuelle Treibhausgasquoten-Verpflichtung rechnet Kohlenstoffdioxid (CO2) und Distickstoffmonoxid (N2O) sowie Methan in CO2-Äquivalente um.  

Welches Ihrer Projekte verbinden Sie mit dem Slogan „Committed to better energy“?

 
Seit 2015 ist TOTAL verpflichtet, die THG-Emissionen der vom Unternehmen in Verkehr gebrachten fossilen Kraftstoffe um 3,5% zu verringern. Ab 2017 erhöht sich diese Quote auf minus 4,0% und ab 2020 auf minus 6,0%. Als fossile Referenzbasis dient einheitlich der Wert von 83,8 g COpro Megajoule für Benzin und Diesel. Als Beispielrechnung: 1l Diesel stößt bei der Verbrennung ca. 3kg COaus. Eine Reduktion von minus 3,5% entsprechen also 105g CO2 weniger pro Liter – erreicht durch die Beimischung von Biokraftstoffen. Das ist die aktuelle Herausforderung im Verkehrsbereich, der sich TOTAL stellt. Meine Arbeit besteht hauptsächlich darin, dies mitzugestalten. So engagiere ich mich für eine bessere Energie.   
 

Was machen Sie dabei genau, das hört sich alles kompliziert an?

 
Zusammen mit meinen Kollegen melden wir für TOTAL jährlich die sogenannte Treibhausgasminderungsquote beim Zoll an. Das heißt konkret welche Menge an Biokraftstoffen das Unternehmen – inklusive der Raffinerie in Leuna – bundesweit „in Verkehr gebracht“ hat. Mit Hilfe der Biokraftstoffe mindern wir den CO2-Ausstoß von Benzin und Diesel. Im Gesetz ist zur Verringerung der THG-Emissionen eine verstärkte Beimischung von Biokraftstoffen oder das Inverkehrbringen reiner Biokraftstoffen (wie z.B. Biodiesel 100) genau geregelt. Nur nachweislich nachhaltig produzierte Biokraftstoffe sind auf diese Verpflichtung anrechenbar. Der Zoll vergleicht, ob die angemeldete Quote mit den betreffenden Mengen an Biokraftstoffen samt Zertifikaten übereinstimmt. Ohne Zertifikat einer nachhaltigen Produktion erfolgt keine Anerkennung der THG-Minderung. In diesem Fall würde TOTAL sogar eine Strafzahlung drohen!
 

Wie kann ich mir als Laie diese Nachhaltigkeitszertifizierung vorstellen?

 
Es gibt EU-Kriterien aus der Erneuerbaren-Energien-Richtlinie (2009/28/EG), die Biokraftstoffe betreffen. Dabei wird die gesamte Wertschöpfungskette der Biokraftstoff-Produktion überprüft. Für den Anbau biogener Zusatzstoffe dürfen bspw. keine Primärwälder gerodet und keine Naturschutzgebiete umgenutzt werden. Weiterhin hat die Internationale Arbeitsorganisation bestimmte Richtlinien vorgegeben (keine Kinderarbeit), die von den EU-Richtlinien berücksichtigt werden. 
 

Wer überprüft die Zertifikate?

 
Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) erstellt Stichproben auch in den Anbauländern z.B. in Malaysia, um die ausgestellten Nachweise zu überprüfen. Prüfstellen führen zum Teil mit Begleitung der BLE mindestens einmal jährlich ein Audit durch. Dafür zahlen die Biokraftstoffhersteller und  TOTAL ebenfalls. Wir sind Kunde der Nachhaltigkeitszertifizierung. So werden die Zertifikate entlang der ganzen Lieferkette kontrolliert, um die Nachhaltigkeit zu gewährleisten und falsche Informationen zu vermeiden. 
 

Wie erfüllt TOTAL diese Vorgaben?

 
TOTAL mischt nur solche Biokraftstoffe bei, die den Nachhaltigkeitsanforderungen entsprechen und entsprechende Zertifikate tragen. Dabei müssen die Qualitätsanforderungen in den Endprodukten (Benzin und Diesel) stets eingehalten werden. Es ist ein sehr aufwändiges System. Für die Quotenanmeldung gilt, eine Bio-Bilanzierung über die gesamten Biokraftstoffe eines Jahres zu erstellen und mit den entsprechenden Nachhaltigkeitsnachweisen zu hinterlegen. Daran arbeitet bei TOTAL eine Task-Force Bio mit 12 Personen aus verschiedenen Fachbereichen (Finanzen, Logistik, Pilotage, Raffinerie, Tankstellen…). Ich koordiniere diese Arbeitsgruppe und fungiere als Problemlöserin sobald es zu Rückfragen seitens der Behörden oder internen Problemen kommt. Auch mit unserer Zentrale in Paris stehe ich in regelmäßigem Kontakt. Wir verfolgen auch sehr genau die politische Regulierungssituation. Es gibt häufig Änderungen. Schließlich halte ich auch interne Schulungen zu den Themen Bio und Nachhaltigkeit. 
 

Was ist die Position von TOTAL in diesen Bereichen?

 
Zunächst setzt sich unsere Gruppe, zusammen mit anderen international tätigen Energieunternehmen, für eine weltweite CO2-Bepreisung ein. Außerdem forscht die TOTAL Gruppe daran, fortschrittliche Kraftstoffe mit geringen CO2-Emissionen aus Biomasse und nicht essbaren Teilen von Pflanzen herzustellen. Darüber hinaus sprechen wir uns auch in Deutschland für das sogenannte Co-Processing aus. Dieses Verfahren steht für ein gemeinsames Hydrieren von Pflanzenölen und fossil-stämmigen Produkten. Dafür könnten wir unsere bestehenden Anlagen nutzen. Es ist auch in Frankreich und Österreich zugelassen, in Deutschland allerdings nicht zur Anrechnung Treibhausgas-Quotenverpflichtung zugelassen. 
 

Stichwort Zukunft, welche Änderungen kommen auf TOTAL zu?

 
Brüssel hat eine neue Richtlinie zur Berechnung der THG-Intensität von Kraftstoffen erstellt. Diese Richtlinie muss bis April 2017 in deutsches Recht umgesetzt werden und wird vermutlich einigen Einfluss auf die THG-Quotenverpflichtung haben. Die EU-Kommission plant zudem  die Kraftstoffqualitätsrichtlinie (fuel quality directive – FQD) sowie die Erneuerbaren-Energien-Richtlinie (renewable energy directive – RED) zu überarbeiten. Beide Regulierungsvorhaben werden ebenfalls Auswirkungen auf die THG-Quotenverpflichtung nach sich ziehen. 
 
 
 

CO2-Referenzen 

  • Beimischung von Pflanzenölestern z.B, Raps (Biodiesel, Fettsäuremethylesther – FAME) für Dieselkraftstoff im Volumen max. 7%

  • Beimischung von Bioethanol aus Zuckerrüben oder Getreide wie Mais zur Beimischung für Ottokraftstoff im Volumen max. 5% bei E5 und max 10% bei E10  

  • Beimischung von hydrierten Pflanzenölen z.B. Palmöl (hydrogenated vegetable oils – HVO) für Dieselkraftstoff im Volumen ohne Beimischungsgrenze, jedoch muss immer die Kraftstoffspezifikation (DIN-Norm EN 590) eingehalten werden; Beimischung von 15% HVO im Allgemeinen ohne Probleme, HVO ist jedoch teuer und begrenzt verfügbar 

  • Hersteller zertifizieren die THG-Minderung pro Energieeinheit, der Standardwert für Rapsbiodiesel beträgt minus 38% THG-Minderung pro Energieeinheit

  • Je nach Produkt kann die THG-Minderung pro Energieeinheit auch bis zu 60% oder höher gehen z.B. Biodiesel aus Altspeisefetten wie Frittierfett bietet eine THG-Minderung von bis zu 90% (weil früher als Restmüll verbrannt, jetzt wiederverwendet durch Beimischung im Dieselkraftstoff)

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"Ich koordiniere die Task Force Biokraftstoffe bei TOTAL. Viele wissen nicht, wie kompliziert das Nachhalten der Zertifikate für uns Tankstellenbetreiber ist!"

Kurzer Lebenslauf

  • Angelika ist Diplom-Chemikerin und hält einen Doktor in anorganischer Chemie der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster.

    Sie hat für Ihre Doktorarbeit Grundlagenforschung betrieben - grob gesagt ging es um die Chemie von Erdmetallorganylen, das sind organische Verbindungen von Erdmetallen.

  • Seit 2007 bei TOTAL Deutschland

    Zunächst als Produktmanagerin für Schmierstoffe, damals noch in Düsseldorf

  • 2010 Umzug aus Düsseldorf in die Deutschland-Zentrale nach Berlin

    Seit 2012 Advisor New Energies/Sustainable Development

  • Unter anderem zuständig für die Koordination

    zur Erfüllung der Treibhausquotenverpflichtung von TOTAL Deutschland/TOTAL Raffinerie Mitteldeutschland

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